Dank erfolgreicher Klimaschutzmaßnahmen, die in den letzten Jahren in NRW und in Soest umgesetzt worden sind, haben wir in wichtigen Bereichen inzwischen eine gute Datengrundlage. Diese Daten helfen uns auf privater und kommunaler Ebene dabei, uns zielgerichteter an Klimaveränderungen anzupassen - vorausgesetzt wir berücksichtigen die Daten bei unseren Entscheidungen. Schauen wir uns die Daten mal anhand eines aktuellen Bauprojektes in der Soester Innenstadt genauer an.
Potsdamer Platz
Am letzten Freitag wurde der dritte Bauabschnitt der Großbaustelle in der Soester Altstadt fertiggestellt. Ziel der Baumaßnahme war die bessere Befahrbarkeit sowie eine Erhöhung der Aufenthaltsqualität. Die Materialien wurden so ausgewählt, dass sie den hohen Belastungen des Busverkehrs möglichst lange standhalten und der Platz nicht in wenigen Jahren wieder erneuert werden muss.
Das bedeutet ganz konkret: so wie der Platz heute gestaltet worden ist, so wird er die nächsten Jahrzehnte auch bleiben. Daher ist es wichtig, dass die Zukunftsfragen für diesen Ort, bei der Planung der Baumaßnahme sinnvoll beantwortet worden sind.
Cooler Ort oder Hotspot?
Die BürgerWOLKE liefert aktuelle Stadtklimadaten zu Lufttemperatur, -feuchte, UV-Index, Windrichtung und -geschwindigkeit und Niederschlag.
Der Potsdamer Platz liegt - wie der große Teil der Soester Altstadt - in einem Gebiet mit einer außerordentlich hohen Hitzebelastung. Die Messdaten zeigten während der letzten Hitzeperiode Höchsttemperaturen von mehr als 45°C. Selbst in der Nacht, sind die Temperturen nicht unter 26°C gesunken.
Diese Temperaturen stellen ein enormes Gesundheitsrisiko, besonders für Menschen mit Vorerkrankungen, alte Menschen und Kinder dar.
Starkregen? Sicher.
Das Land Nordrhein-Westfalen stellt gemeinsam mit der Emschergenossenschaft und dem Hochwasserkompetenzzentrum Köln eine HochwasserApp bereit, die Bürgis dabei helfen soll, sich besser vor Hochwasser und Starkregen zu schützen. Bürgis können damit prüfen, ob ihr eigenes Haus bei Starkregen oder Flusshochwasser gefährdet sein könnte. Die App liefert detaillierte Informationen zur aktuellen Gefahrenlage.
Für den Potsdamer Platz bewertet die App die Gefahrenlage recht eindeutig. Bei Starkregen-Ereignissen könnte das Wasser hüfthoch am Haus stehen.
Die Karte liefert Hinweise auf eine mögliche hohe Betroffenheit durch Starkregen in der Umgebung Ihres Hauses. Ihr Grundstück oder Gebäude liegt in einem Gebiet, das bei einem außergewöhnlichen Niederschlagsereignis betroffen sein könnte. Infolge eines solchen Starkregens könnte das Wasser möglicherweise bis auf eine Höhe von hüfthoch an Ihrem Haus stehen.
Qualitätsaufenthalt? Nein, danke.
Neben dem Mikroklima und der Gestaltung des Platzes ist für die Aufenthaltsqualität entscheidend, wie dieser genutzt wird und insbesondere wie viel motorisierter Verkehr dort stattfindet.
Der Potsdamer Platz führt zentral sternförmig mehrere Innenstadtstraßen und damit den Fußgänger- und Straßenverkehr zusammen. Zudem führen Buslinien über den Platz. Eine Aufenthaltsfunktion kommt dem Fahrbahnbereich des Platzes nicht zu, wenngleich er natürlich durch Fußgänger gequert wird. Die Aufenthaltsqualität beschränkt sich auf die Seitenbereiche des Platzes.
Die Anzahl der Kraftfahrzeuge werden an 14 Messstellen in der Altstadt gemessen und tagesgenau auf dem Soester Mobilitäts-Dashboard veröffentlicht. Im Durchschnitt fahren durch Jakobi- und Thomästraße zusammen etwa 3600 Kraftfahrzeuge täglich. Für eine hohe Aufenthaltsqualität ist das u.U. zu viel.
Keine leichte Aufgabe
- Der Potsdamer Platz liegt in einer Hitzeinsel (Hotspot) der Soester Altstadt,
- bei Starkregen könnte das Wasser möglicherweise bis auf eine Höhe von hüfthoch in den Häusern stehen,
- aufgrund des Verkehrs ist die Aufenthaltsqualität sehr begrenzt.
Lösungen sind nah und doch so fern
Die genannten Herausforderungen sind nicht neu und Soest ist nicht die erste Stadt, die sich mit den Themen auseinandersetzen muss. Daher ist es wenig überraschend, dass es für alle Punkte erprobte Lösungen gibt, die in anderen Städten bereits erfolgreich umgesetzt worden sind.
Die günstigste und wirksamste Maßnahme für kühlere Plätze in der Innenstadt sind Bäume, Bäume, Bäume. Durch Verschattung und Verdunstungskälte sorgen große Bäume für eine deutlich spürbare Abkühlung. Leider wurde beim Umbau lediglich ein neuer Baum gepflanzt. Und dieser ist genau genommen nur eine Ersatzpflanzung für den Baum, der vor der Ritterschen Buchhandlung gefällt worden ist. Es wurden keine Maßnahmen umgesetzt, um die Hitzebelastung zu reduzieren.
Maßnahmen zum Regenwassermanagement sind in der Planung und Umsetzung zwar deutlich aufwändiger, aber technisch machbar und finanziell umfangreich gefördert. Den Umbau nach dem Schwammstadt-Prinzip, wie z.B. das Erstellen von Baumrigolen, fördert das Land NRW mit 60% der Projekt-Kosten. Emschergenossenschaft und Lippeverband stocken diese Förderung für Kommunen sogar auf 100% auf.
Abgesehen von der Baumscheibe des neu gepflanzten Baumes ist der Platz auch nach dem Umbau weiterhin komplett versiegelt. Es wurden keine Maßnahmen umgesetzt, die die Anwohni, die Gebäude und die Infrastruktur vor den Auswirkungen von außergewöhnlichen Starkregenereignissen schützen.
Wenn ich ein Haus am Potsdamer Platz besitzen würde, wäre ich jetzt richtig sauer. Da die Stadt Soest die Aufgabe des Hochwasserschutzes nicht wahr genommen hat, bleibt die Verpflichtung, geeignete Vorsorgemaßnahmen zum Schutz vor nachteiligen Hochwasserfolgen und zur Schadensminderung zu treffen, allein bei den Eigentümis hängen. Für die betroffenen Personen ist das bitter.
Wie die Verkehrsbelastung reduziert und damit die Aufenthaltsqualität erhöht werden kann, wird aktuell - eher unfreiwillig - real erprobt. Durch die Baustellensituation ist der Durchgangsverkehr von Jakobistraße zur Ulricherstraße über den Potsdamer Platz derzeit nicht möglich.
Als messbares Ergebnis hat diese Maßnahme in der letzten Woche dazu geführt, dass ca. 20 % weniger Kraftfahrzeuge als üblich durch die Jakobistraße gefahren sind. Durch die Sperrung ist der Platz momentan überaus attraktiv zum Verweilen - zumindest bis zur nächsten Hitzewelle oder zum nächsten Starkregen-Ereignis.
Eine dauerhafte Sperrung des Potsdamer Platzes für Durchgangsverkehr (Busverkehr ausgenommen) wird es leider nicht geben. Stattdessen gibt es eine verkehrsrechtliche Anpassung, die laut Stadtverwaltung längst überfällig war: aus dem verkehrsberuhigten Bereich (Schritttempo) wird nun ein verkehrsberuhigter Geschäftsbereich* (Tempo 20).
Da die Aufenthaltsqualität nicht hoch genug ist, ist eine Ausweisung als verkehrsberuhigter Bereich rechtlich nicht mehr möglich. Die zulässige Geschwindigkeit wird daher auf Tempo 20 erhöht und der Vorrang für den Fußverkehr gestrichen. Radfahrende und Autos nutzen die Fahrbahn, Fußgängis den baulich getrennten Gehweg.
Anstatt den motorisierten Individualverkehr durch verkehrsplanerische Maßnahmen, wie z.B. eine Durchfahrtssperre, umzuleiten und dadurch den Platz aufzuwerten, wird die Sicherheit für die schwächsten Verkehrsteilnehmenden verringert und die Aufenthaltsqualität weiter reduziert.
Und nun?
Als Anwohner hatte ich mir durch den Umbau des Platzes eine Aufwertung des Quartiers erhofft. Jetzt bin ich irgendwie enttäuscht und habe das Gefühl, dass wir in der Stadtentwicklung einen Schritt nach vorne aber zwei zurückgegangen sind. Klimaanpassung hat in der Stadtplanung aktuell zu wenig Raum und der Schutz von Fußgängis und Radfahris hat bei der Verkehrsplanung anscheinend auch keine hohe Priorität. Hier würde ich mir wünschen, dass sich das möglichst zeitnah ändert.
Aus Zukunftsperspektive ist die Stadtplanung bei diesem Projekt leider komplett schiefgelaufen. Die getroffenen Entscheidungen sind nicht nur mutlos, sondern auch verantwortungslos.
*Hinweis zu Tempo-20-Zonen
Tempo-20-Zonen wurden als Bindeglied zwischen Tempo-30-Zone und verkehrsberuhigtem Bereich eingeführt. Durch die geringeren Geschwindigkeiten im Vergleich zu Tempo 30 soll die Verkehrssicherheit erhöht werden, der motorisierte Durchgangsverkehr gemindert werden und Anwohnis von Lärm und Luftverschmutzung entlastet werden. Von dem geringeren Verkehrsaufkommen profitiert auch der Denkmalschutz, indem durch Verringerung des Schwerverkehrs weniger Erschütterungen auftreten.
Umwandlungen von verkehrsberuhigten Bereichen in Tempo-20-Zonen sind dagegen nicht im Sinne des Erfinders, da diese im Umkehrschluss alle o.g. Argumente ins Negative überführen: weniger Verkehrssicherheit, mehr Durchgangsverkehr, mehr Emissionen und weniger Denkmalschutz. WTF.
_funfact #3
Schweinemarkt-Umbau auf Eis
Das nächste Bauprojekt kommt bestimmt. Aufgrund der aktuellen Haushaltslage verschieben sich derzeit jedoch einige Projekte. Der Umbau des Schweinemarktes, zu dem es eine große Bürgerbeteiligung vor Ort gab, wird aktuell nachrangig bearbeitet. Die Ergebnisse aus dem Beteiligungsprozess liegen dem beauftragten Ingenieurbüro vor. Ob und wann der Umbau stattfinden wird, lässt sich noch nicht sagen. Ich hoffe jedenfalls, dass die Ingenieuris in dem Fall eine Lösung präsentieren werden, die mich glücklicher macht und die Zukunftsfragen und die zugrundeliegenden Daten ehrlich im Blick hat.
[as
Quellen
- Soester Anzeiger: Bauturbo in Soests Altstadt: Samstagsarbeit zahlt sich aus – auf den „Ufos“ lässt es sich entspannen
- Stadt Soest: BürgerWOLKE
- Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung NRW: Hochwasser App
- Stadt Soest: Soester Mobilitäts-Dashboard
- Zukunftsinitiative Klima.Werk: Rigolenversickerung
- Wikipedia: Verkehrsberuhigter Geschäftsbereich
- Kreis Soest: Hochwasserschutz und Starkregen
